Erkenntnisse

Aktivierende Befragung

In der Befragung zeigte sich, dass Umwelt durchaus von vielen Menschen in den Stadtteilen als wichtiges Thema wahrgenommen wird. Dabei nannten die befragten Personen besonders oft ihre Kinder, Ernährung und Erinnerungen an die Heimat als Anknüpfungspunkte. In Freiburg spielt auch Lebensqualität eine wichtige Rolle. Motive die Umwelt zu schützen waren in Hannover vor allem die Möglichkeit Geld zu sparen, Sauberkeit, Gesundheit sowie das eigene Gemeinschaft. Dagegen wurden in Freiburg am meisten Geld sparen, Sauberkeit, Bildung und Gewissen/Respekt genannt.

In beiden Städten verbinden die Menschen mit Umweltschutz Rücksicht und kooperatives Miteinander, in Hannover kommen noch Werte wie Gerechtigkeit und Frieden hinzu. Alle vier Aspekte sind wesentliche Elemente des Leitbilds für nachhaltige Entwicklung.

Auf der Ebene des Stadtteils liess sich im Gespräch die Vision einer nachhaltigen Entwicklung konkretisieren. Das Thema Umweltschutz wurde hier von vielen Befragten mit rücksichtslosem Verhalten von Nachbarn in Verbindung gebracht.

Hannover                                                  Freiburg                                                  
Respektloses Verhalten von Kindern und Jugendlichen, herumfliegende Grats-Zeitungen, Hundekot, fehlende Verdienstmöglichkeiten, zu wenig Freizeitangebote, gefühlte Abwertung durch die deutsche Gesellschaft, fehlende Gemeinschaft über die eigene Kulturgruppe hinaus, Sprachprobleme Unsicherheitsgefühl, Müllablagerungen, Hundekot, fehlender Respekt untereinander, zu wenig Freizeitangebote, Alkoholismus, schlechtes Image des Stadtteils

Dementsprechend fokussieren die Handlungsideen auch zuerst auf das soziale Miteinander. So steht das als störend wahrgenommene Phänomen im Mittelpunkt nicht die Umweltauswirkung. Einige Ideen sind sogar kontraproduktiv für die Umwelt.

  • Auf der Straße herumfliegende Gratis-Zeitungen werden aufgrund der Unordnung als Problem gesehen, nicht aufgrund der verlorenen Recyclingfähigkeit
  • mehr Beleuchtung zur Erhöhung der Sicherheit, ohne Reflexion des Energieverbrauchs und der Lichtverschmutzung.

Kaum Ideen greifen größere Rahmenbedingungen für das Leben im Stadtteil auf. Die Bewohner/innen sind es gewohnt, durch kleine Maßnahmen sich mit den gegebenen, beschränkenden Rahmenbedingungen zu arrangieren.

Auffallend ist, dass in Hannover Sahlkamp, wo der Verein Migranten für Agenda 21 e.V. schon länger tätig ist, eine deutliche Verschiebung bei den wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten vom individuellen Handeln zum kollektiven Handeln zu beobachten ist.

Dialogveranstaltungen

Auf den Dialogveranstaltungen wurden interessierte Personen zusammengebracht. In Hannover fanden diese erst in homogenen Sprachgruppen statt. Oft wurden weitere interessierte Personen mitgebracht, so dass pro Veranstaltung 4-10 Personen teilnahmen.

Der Austausch über individuelle Möglichkeiten des Umweltschutzes im Haushalt war sehr lebhaft. Die Konkretisierung von Umweltaspekten im Alltag brachte teilweise überraschende Einblicke in die subjektiven Umweltkonzepte der Befragten. So nannte beim Austausch über die Orte im Haushalt, an denen sich unökologisches Verhalten manifestiert, ein Bewohner den Sammelbehälter für dreckige Wäsche seiner Frau. Dieser sei aus religiöser Sicht unrein und so übertrug er die Bewertung auch auf die Frage der Ökologie.

Natürlich ist dies ein Extrembeispiel, aber es verdeutlicht, dass durchaus andere Umweltkonzepte bestehen, als im bürgerlichen Mittelstand. Was passiert nun, wenn wir den Teilnehmenden erklären, dass die dreckige Wäsche seiner Frau nichts mit Umweltverschmutzung zu tun hat, sondern das verwendete Waschmittel? Es entsteht eine Hierarchie zwischen uns und dem Gegenüber. Der Gegenüber fühlt sich mit seiner Wahrheit abgewertet, der bestehende Umweltbezug wird ihm genommen.

Im Projekt „GENUSS“ wurde stattdessen ein konstruktivistisches Bildungskonzept genutzt. Da jeder Mensch seine eigene Wahrheit aus individuellen Vorerfahrungen konstruiert und keine objektiv richtige Sichtweise besteht, kann nur ein gleichberechtigter Austausch dazu führen, ein besseres Bild der Wirklichkeit zu erlangen. So konnten viele Unsicherheiten im Austausch geklärt werden, ohne dass eine Belehrung von oben stattfand.

Zusätzlich wurden die Teilnehmenden in ihrer Motivation bestärkt, sich für Umweltthemen zu interessieren. Gemeinsam entwickelten die Dialoggruppen Ideen für konkrete Maßnahmen des Umweltschutzes im Stadtteil.

Projektwerkstatt

Die einzelnen Gruppen stellten ihre Ideen im Plenum vor. Dabei wurden folgende Ideen zur Umsetzung ausgewählt: 

  • Zwei Kochkurse „Gesund, ökologisch und günstig Kochen“,
  • Fahrradexkursionen zu ökologisch relevanten Orten im Umfeld von Hannover,
  • Balkonwettbewerb zur Verschönerung des Stadtteils mit Blumen,
  • Infoschilder und Aufklärung in einem Hochhaus zum Thema Mülltrennung,
  • Reinigungsteam mit ökologischen Reinigungsmitteln zur Verbesserung der Sauberkeit und der Rücksicht in einigen Wohnblöcken,
  • Erstellung eine Infobroschüre zu Schimmel in der Wohnung auf serbo-kroatisch.

Details im Forum Offene Kommune.

Sicherlich verändern die oft aktionsorientierten Ideen nicht langfristig die Lebensqualität im Stadtteil und schaffen auch keine bessere Infrastruktur für ökologisches Verhalten. Aber die Maßnahmen bieten eine Möglichkeit zur Kontaktaufnahme und schaffen eine Vertrauensbasis zu den Bewohner/innen im Stadtteil.

Zudem werden strukturelle Barrieren für ein Umweltengagement von Bewohner/innen sozialer Stadt Gebiete  überwunden:

  • Vertrauen in den Verein Migranten für Agenda 21 e.V. als Schnittstelle zur Umweltpolitik und bürgerlichen Organisationen der Umweltbildung geschaffen,
  • Bezugspersonen sind im Stadtteil präsent und jederzeit ansprechbar,
  • Treffpunkte für Umweltinteressierte im Stadtteil wurden etabliert,
  • Alltagsrelevante Themen wurden mit Umweltthemen verknüpft und Motivallianzen gestärkt.

„Es geht nicht um den Umwelteffekt, sondern darum, dass die Menschen mit der Motivation des Umweltschutzes tätig werden und sich selber als Akteure wahrnehmen“, stellt Michael Wehrspaun, Projektbetreuer des Umweltbundesamts, das Ziel klar. Gelingt es, über die Motivation des Umweltschutzes die Lebensqualität im Stadtteil zu verbessern, werden Motivallianzen verstärkt. Umweltschutz bleibt nicht mehr eine Sache der Besserverdienenden. Da alle Projekte zudem der Wunsch nach einer Gesellschaft geprägt durch Rücksicht, Gemeinschaft und Gewissenhaftigkeit verbindet, machen diese das Konzept der Nachhaltigkeit fassbar, gerade weil sie sich nicht an abstrakten Zielen orientieren, sondern an den Bedürfnissen der Menschen.

Projektumsetzung

Die Betreuung durch die Umweltpromotor/innen ist von großer Bedeutung für die Projekte. Die Ideengeber hätten sich oft die Realisierung alleine nicht zugetraut. Folgende Funktionen wurden von den Promotor/innen eingenommen:

  • Mut machen,
  • Kontakte knüpfen,
  • Struktur geben,
  • Inhaltliches Wissen sicherstellen,
  • Verbindlichkeit kommunizieren,
  • Rückhalt geben.

In der Begleitung der Gruppen wird darauf geachtet, den Grundstein für eine nachhaltige Wirkung zu legen. Dies erfolgt, indem folgende Aspekte angeregt werden:

  • Die Gruppen bleiben unabhängig von den Umweltpromotor/innen weiter im Austausch,
  • Das Umweltinteresse der Teilnehmenden wird bestärkt und bekommt eine zentralere Rolle,
  • Die Gruppen werten ihre Projekte aus und setzen sich darauf aufbauend neue Ziele für neue Aktivitäten, so dass ein kontinuierlicher Lernkreis etabliert wird,
  • Die Teilnehmenden beschaffen sich Wissen von außerhalb der Gruppe/ des Stadtteils und bringen dieses in die lokalen Aktivitäten ein,
  • Die z.T. noch homogenen Gruppen kommen mit anderen Gruppen in Kontakt und es entsteht zunehmend eine kulturelle Mischung und multikulturelle Gemeinschaft,
  • Die Gruppen haben eine Ausstrahlung auf andere Bewohner/innen im Stadtteil.
Umweltpromotoren

Im Laufe des Projekts kristallisierten sich einige wichtige Merkmale von Promotor/innen heraus:

  • Kompetenzen:Wichtiger als dezidiertes Umweltwissen sind allgemeine kommunikative Kompetenzen und die Fähigkeit Netzwerke herzustellen.
  • Einstellung: Es ist wichtig, dass die Promotor/innen offen gegenüber den Ideen und Meinungen der Befragten Personen sind und selber an die Möglichkeit glauben, gemeinsam die Lebensbedingungen im Stadtteil verbessern zu können.
  • Herkunft: Es ist leichter für Menschen aus dem Stadtteil und demselben Milieu, eine hierarchiefreie Beziehung im Gespräch aufzubauen. Die regelmäßige Präsenz ermöglicht es den Befragten auch, nach dem Gespräch bei Fragen oder Ideen auf den/die Umweltpromotor/in zurückzukommen.
  • Verfügbarkeit: Um die aktivierenden Gespräche an den Zeitabläufen der Bewohner/innen zu orientieren, müssen die Promotor/innen sehr flexibel sein und vor allem auch tagsüber wichtige Orte (z.B. KiTa) aufsuchen können.

Das Forschungsteam des Projekts EMIGMA der FH Dortmund betont zudem, dass bei geeigneten Schlüsselpersonen große kulturelle Unterschiede bestehen. So würden sich in der türkischen Community tendenziell Personen mit entsprechendem formalen Status eignen (z.B. Unternehmer/innen, Lehrer/innen, Imame) während in der russischsprachigen Community die soziale Rolle in der Gemeinschaft bedeutsamer ist. Aktive in Vereinen und Gemeinde sind hier geeignete Schlüsselpersonen.